Wörgl: Museum und Chronik – eine gelungene Symbiose
Seit einem Jahr gibt es in Wörgl den „MUSEUMS-HOAGASCHT“. Stadtchronist Toni Scharnagl schreibt monatlich einen Artikel für das Stadtmagazin und zu ausgewählten Themen veranstaltet dazu der Museumsverein einen Hoagascht.
Die unterschiedlichen Themen erfreuen sich bei Jung und Alt größter Beliebtheit und das Interesse ist so groß, daß die Veranstaltungen – bei freiem Eintritt – meist ausgebucht sind und ein Folgetermin eingeschoben wird. Besonders beliebt waren heuer die Themen „Schifahren in Wörgl“ und „Innfähre Wörgl – der Überführer“; die Moderatorin Lilly Staudigl hat Zeitzeugen zu Gast, die viele Geschichten zu erzählen haben. Fotos und alte Filme erfreuen die Besucher und diese können Fragen stellen oder eigene Erlebnisse vorbringen.

Im November fand der Hoagascht zum Thema „Eisenbahn in Wörgl – 150 Jahre Giselabahn“ vor 80 Besuchern statt. Die Bahnhofmanagerin Karin Wechner sowie der Eisenbahnhistoriker Dr. Arthur Pohl waren am Podium und begeisterten mit ihrem Wissen rund um das für Wörgl so prägende Verkehrsmittel.
Hier der Text des Chronisten im Stadtmagazin:
150 Jahre Giselabahn
Die Eröffnung der von Salzburg über Zell am See nach Wörgl führenden Giselabahn am 6. August 1875 war das wichtigste Ereignis in der Geschichte Wörgls im 19. Jahrhundert!
Damit wurde Wörgl der erste Eisenbahnknoten Westösterreichs und brachte Tirol die Anbindung an das östliche Österreich.
Die „Eisenbahngeschichte“ begann mit der kaiserlichen Anordnung für den Bau der Strecke Kufstein-Innsbruck, die im Jahre 1858 als „Nordtyroler-Bahn“ feierlich eröffnet wurde.

Die geografisch günstige Lage an der Schnittstelle von Inn- und Brixental führte die verschiedensten Verkehrswege zusammen und war für die weitere Entwicklung der Stadt von großer Bedeutung.
Durch den Aufschwung der Wirtschaft veränderte sich die soziale Struktur, aus dem ehemaligen Bauerndorf wurde allmählich eine Industriegemeinde.
Das kleine Dorf erfuhr eine enorme Bevölkerungszunahme, von 986 Personen im Jahr 1840 auf 3.126 im Jahr 1910!
Eisenbahner, die bei der Bahn beschäftigt waren, empfand die Bevölkerung als Eindringlinge in ihre bäuerliche Welt. Im Jahr 1875 ließen Zeitungsschreiber kein Klischee aus: „Dafür bekommen die Gemeinden Bahnbedienstete und Bahnwächter, vielfach Leute ohne Religion und Sittlichkeit, letztere fast dem Hungertod preisgegeben“.

Der Bau der 192 km langen Giselabahn, benannt nach der Tochter von Kaiser Franz Joseph I. und seiner Gattin Elisabeth, bekannt als Sisi, wurde in unglaublich kurzer Zeit realisiert: Baubeginn im Frühjahr 1873, 2 ½ Jahre später die Eröffnung. Hindernisse wie das enge Salzachtal, hohe Brücken in Fieberbrunn und die Windauer Schleife mit Tunnelanlagen wurden durch Ingenieurkunst und einer großen Zahl an Arbeitern, viele davon aus Italien, überwunden.
Der Bau erwies sich insbesondere zwischen Hopfgarten und Westendorf als schwieriges Unterfangen. Im Juli 1874 kamen zwölf Arbeiter und ein Ingenieur beim Einsturz des Ittertunnels ums Leben!
Der ursprüngliche Plan einer Streckenführung über Lofer, St. Johann und Söll wurde wahrscheinlich aus strategischen Gründen nicht verwirklicht, aber auch der schon damals hohe Stellenwert des Fremdenverkehrs könnte die Ursache für die Streckenwahl gewesen sein.
Die erforderlichen Grundablösen im Wörgler Boden für die Giselabahn gestalteten sich wegen der unterschiedlichen Grundbesitzer kompliziert, aber auch hier galt letztendlich: gegen den Willen des Kaisers ist kein Kraut gewachsen.
Die eingleisige Trassenführung wurde in den Jahren 1913-1915 auf einen zweigleisigen Betrieb umgebaut und 1928 der elektrische Zugbetrieb aufgenommen.
Anfangs gab es einmal pro Tag eine Hin- und Rückfahrt zwischen Wörgl und Salzburg, die Fahrzeit betrug 8 ½ Stunden, jetzt schafft der schnellste Zug die Strecke in 3 Stunden.

Die letzte Fahrt von Kaiserin Elisabeth führte auch über die Giselabahn. Der Leichnam der in Genf ermordeten Kaiserin wurde mit einem Sonderzug nach Wien gebracht.
Die unzulängliche Lokomotivtechnik verhinderte, die Strecke mit einer Lokomotive in einem Zug durchzufahren. In Saalfelden, vor dem Grießenpass (975m ü.A.), wurden Maschine und Personal gewechselt. Die Züge, noch nicht durchgehend gebremst, schafften zahlreiche Arbeitsplätze. Für jeden Zug, abhängig von Achsenanzahl und Gewicht wurde die Anzahl der Bremser errechnet. Ein bestimmtes Pfeifsignal des Lokführers informierte die Bremser, die Handbremsen der Waggons zu bedienen.
Die im Jahr 1889 in Betrieb genommene Bahnstation Söll-Leukenthal (Bruckhäusl) wies zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen größeren Frachtumschlag als der Bahnhof Wörgl auf und war mit Vorstand, Fahrdienstleitern und Weichenwärtern besetzt. Die Gründe dafür waren die dort angesiedelte Zementindustrie, zwei bedeutende Sägewerke und eine Sand-Ziegelfabrik. Im Laufe der Zeit verlor diese Bahnstation jedoch an Bedeutung und wird heute als Haltestelle „Wörgl Süd-Bruckhäusl“ ohne Personal geführt.
Die Giselabahn stellt nach wie vor eine wichtige innerösterreichische Querverbindung zwischen Innsbruck und Graz, aber auch als Zubringer zur Tauernbahn Richtung Süden dar. Auf Grund ihrer landschaftlichen Reize und ihrer einmaligen Trassenführung wurde sie in den vergangenen Jahren wieder als Ausflugsziel entdeckt.
Quellen:
Von Ost nach West durch Tirol, Jursitzka/Pawelka
150 Jahre Eisenbahnen in Tirol, Arge Verkehrsarchiv Tirol
Bilder: Stadtarchiv
Kontakt: Stadtchronist Toni Scharnagl, chronist@stadt.woergl.at
24. November 2025